Hinter jeder guten Show steckt eine noch bessere Strategie

Was Familienunternehmen von den Chippendales lernen können

Johannes Josnik

Johannes Josnik

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Das Chippendales war der erste Club, in dem Männer für Frauen getanzt und sich ausgezogen haben. Ein Ort, der die Geschlechterrollen auf den Kopf gestellt hat: es waren nun nicht mehr nur die Männer, die sich in nächtlichen Shows vergnügen konnten, sondern plötzlich drehte sich alles um die Fantasien des weiblichen Publikums. Diese Idee war neu, verrückt und erregte Aufsehen – allem voran aber war sie erfolgreich. Ihr Erfolg dauert bis heute an und die Männer mit weißem Kragen und schwarzer Fliege sind bei weltweiten Auftritten zu sehen. Doch was hat Striptease nun mit Strategie zu tun? Weil hinter den Chippendales weit mehr als „Sex sells“ steht, wollen wir mit ihrem Konzept auf Tuchfühlung gehen und einen Blick hinter die Kulissen werfen.

 

Wir befinden uns im Jahr 1975 und der aus Indien eingewanderte Somen Banerjee, der Hausmeister und Besitzer zweier Tankstellen ist, kauft eine alte Bar in Los Angeles. Das „Destiny II“ ist kaum gewinnbringend und Formate wie Zaubershows, Dinnertheater oder im Schlamm kämpfende Frauen bringen nur mäßig Besucher (Quelle: Los Angeles Magazin). Gleichzeitig findet ein Umdenken in der Gesellschaft statt, das durch die Hippiebewegung der 60er Jahre entfacht wurde. Klassische Familienstrukturen werden hinterfragt, die Antibabypille ist auf dem Markt, HIV wurde noch nicht entdeckt. Alle Zeichen standen auf Emanzipation und freie Liebe. Es hätte keinen besseren Zeitpunkt für eine ausgefallene Geschäftsidee geben können (Quelle: Süddeutsche Zeitung).

Wie alles begann

Es war der kanadische Geschäftsmann Paul Snider, der die vermeintlich verrückte Idee einer männlichen Tanzdarbietung ausschließlich für Frauen hatte. Banerjee und sein Geschäftspartner Bruce Nahin ließen sich auf den Vorschlag ein und reservierten den Club an einem Tag der Woche nur für Frauen. Was den Damen geboten wurde? Gutaussehende, spärlich bekleidete und eingeölte junge Tänzer, deren einziger Auftrag darin bestand, die weiblichen Gäste zu betören und ihnen einen unvergesslichen Abend zu bescheren. Das Konzept ging durch die Decke, die Damen standen Schlange für einen Eintritt und der Club wurde zu „Chippendales“ umbenannt, basierend auf dem Namen eines hochwertigen Möbelstils. Das Wiedererkennungsmerkmal der Männer – ihre „Uniform“ aus Manschetten und Kragen mit Fliege – stammte von Sniders Frau, einem aufstrebenden Playmate-Star zu dieser Zeit. Damit waren die „Chippendales“ geboren und eine steile Erfolgsstory begann.

Lesson learned: Probieren geht über studieren. Ähnlich dem Effectuation-Ansatz, der eine aktive Selbstgestaltung der Zukunft vorsieht, nutzten die Chippendales das damalige Ausleben eines freizügigeren Lebensstils, der das Konzept der Männershow wie eine Bombe einschlagen ließ. Heute sind es Umstände wie die Corona-Krise, Ressourcenknappheiten oder Extremwetterverhältnisse, die das Leben der Menschen nachhaltig verändern aber auch Raum für Neues schaffen. Wer in einem solchen Umfeld abwartet, verliert. Wer Ideen aufgrund mangelnder Sicherheiten zurückhält, wird von der Konkurrenz überholt. Kurzum: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Nackte Haut kann jeder

Bis auf Anfassen war im Chippendales alles erlaubt – ein Konzept, das viele Nachahmer anlockte. Banerjee und Nahin mussten angesichts der schnell wachsenden Konkurrenz handeln und setzten ab 1981 auf die Erfahrung des renommierten Produzenten Nick De Noia, um die Choreografie der Tanzshows auf ein neues Level zu heben. Die Besucherinnen waren Feuer und Flamme, was auch an einem weiteren Einfall lag: Nachdem immer wieder Polizisten wegen Überfüllung in den Club kamen und bei den Frauen für Aufsehen sorgten, wurden fortan Kostüme in die Shows eingebunden. Die Tänzer erschienen als Polizisten, Cowboys, Bauarbeiter & Co. auf der Bühne und versetzten die Frauen damit regelrecht in Ekstase.

Bald wurden weitere Stripclubs in New York, Dallas und Denver eröffnet und die Chippendales gab es nun auch im Kalenderformat für zuhause. Die Männer drehten Trainingsvideos, hatten Auftritte in Talkshows und gingen auf erste Tourneen. Mit Steve Merritt kam ein weiterer talentierter Regisseur und Choreograf an Board. Sein Anspruch war es, die Chippendales vorrangig als Tänzer und nicht nur als Stripper ins Rampenlicht zu rücken. Durch diese Profilierung konnten sie sich von konkurrierenden Männerstripclubs abheben. „Das Disneyland für Frauen“, wie Banerjee das Format betitelte, hatte längst Kultstatus erreicht – spätestens jedoch als Patrick Swayze in der bekannten Saturday-Night-Life Show in einem Sketch als potenzieller Tänzer dafür vorsprach. Mit weltweiten Auftritten verwandelte sich die Tanzgruppe in den 90er Jahren schließlich zu einer lebensfähigen, internationalen Marke im Bereich der Unterhaltung.

Lesson learned: Professionalität überzeugt, Weiterentwicklung ist sexy. Gute Ideen gibt es wie Sand am Meer – oder schöne Männer in Los Angeles – und anfänglicher Erfolg verleitet viele dazu, sich zu lange auf dem Erreichten auszuruhen. Doch das ist Gift für jeden Geschäftsbereich. Stattdessen sollten erste Gewinne unmittelbar genutzt werden, um Qualität und Leistung des Angebots weiter zu steigern. Nur wer von Beginn an durch Originalität überzeugt, kann die Konkurrenz langfristig kleinhalten und macht aus einer guten Idee ein Erfolgsrezept.

Schatten des Erfolgs

Die Geschichte der Chippendales wäre aber nur zur Hälfte erzählt, würde man nicht auch von den Schattenseiten berichten. Denn neben dem Mut, Neues zu probieren, sind auch die Fehler der Striptease-Gruppe lehrreich. Der Aufstieg der Tänzer wurde insbesondere durch die Personen im Hintergrund von zahlreichen Verbrechen, Gier und falschem Ehrgeiz überschattet. Ein erster Aufruhr erfolgte, als Paul Snider kurz nach Gründung des Geschäftsmodells seine Playmate-Frau erschoss und anschließend Selbstmord beging. Darauf folgte der Mord von De Noia, den Banerjee aus Eifersucht auf die ertragreichen Tourneen erschießen ließ. Der gebürtige Inder war außerdem dauerhaft besorgt um die Konkurrenz und wurde wegen des Auftragsmords und versuchter Brandstiftungen letztlich verhaftet. 1994 beging er in seiner Zelle Selbstmord und die Clubs wurden vorübergehend geschlossen.

Lesson learned: Diese Tragödien dürfen keinesfalls einer bestimmten Branche zugeordnet oder verharmlost werden. Ein scharfes Konkurrenzverhalten sowie Streit um den Erfolg sind auch heute negative Begleiterscheinungen in der Geschäftswelt. Weder Konkurrenz noch Neid sind gänzlich vermeidbar, aber der richtige Umgang macht den Unterschied. Der Wettbewerb sollte stets im Auge behalten, aber nie das gesamte Handeln danach ausgerichtet werden. Transparenz und klar abgesteckte Verantwortungsbereiche müssen für Klarheit darüber sorgen, wer und in welchem Umfang vom Erfolg profitieren wird.

Back on Stage

Die Investoren um Kevin Denberg lieferten zur Jahrtausendwende die Wiederbelebung der Chippendales und verliehen der Marke neuen Schwung. Ihr Ziel: die Aufmerksamkeit der Frauen der Generation Y zu erregen. Die Bedürfnisse und Ansprüche haben sich geändert und die Zuschauerinnen wünschen sich heute das fesselnde Erlebnis einer ausgefallenen Show, das sie mit ihren Freundinnen teilen können. Zu diesem Zweck ist die Live-Show der Männer seit 2005 als tägliches Programm im Rio Suite Hotel & Casino in Las Vegas in einem eigens für die Tänzer errichteten Theater untergebracht. Verschiedenste Tanzstile, interaktive Spiele und modernste Bühnentechnik verführen dort das weibliche Publikum. Doch das ist längst nicht alles: die Chippendales sind wieder weltweit auf Tour, ihre typischen Outfits als auch weiteres Zubehör können im Online-Shop erworben werden und wer Tipps und Tricks für die ultimative Geburtstags-, Bachelorette oder Scheidungsparty braucht, findet Inspiration auf der Website. Das gesamte Chippendales-Angebot dreht sich einzig und allein darum, Frauen glücklich zu machen.

Lesson learned: Am Puls der Zeit sein. Die meisten unserer Bedürfnisse werden nie aus der Mode geraten, doch die Art und Weise, wie sie angesprochen und ausgelebt werden, unterliegt einer ständigen Veränderung. Während die Chippendales in ihrer Anfangszeit mit dem Brechen von Tabus lockten, ist es heute das ultimative Showerlebnis, das Frauen in ihren Bann zieht. Aus Striptease wurde Strategie und die Shows verkaufen sich besser als je zuvor. Änderungen im Konsumverhalten sollten deshalb nie als Endpunkt einer bewährten Strategie oder eines beliebten Produkts betrachtet werden, sondern vielmehr als Weg hin zu neuen attraktiven Geschäftsfeldern.

Fazit

Vielleicht wundern Sie sich an dieser Stelle immer noch, warum ausgerechnet die mit Skandalen behaftete Chippendales-Story die Vorlage für einen Strategie-Artikel bietet. Aber unabhängig der Branche oder des Angebots sollten Sie bemerkt haben, dass es letztendlich Geschäftsmänner waren, die nach Erfolg, Geld und Ruhm strebten. Ihr Durchbruch waren strippende Männer in einer Gesellschaft, die eben gerade bereit dafür war. Banerjee und seine Partner sind nicht nur auf den Zug der Frauenermächtigung aufgesprungen, sondern haben diesen auch maßgebend mitgelenkt.

Ausschlaggebend ist der Wille zum Handeln, und zwar im Hier und Jetzt. Beginnen Sie schnell und stärken Sie das, was Sie tun, durch kontinuierliche Verbesserung, Anpassung und Weiterentwicklung. Und wenn Sie noch einen kleine Auffrischung für Ihre Unternehmenswebsite benötigen: Die Chippendales beginnen bei ihrer chronologischen Historie schon ein Jahr vor ihrem Gründungsjahr und beschreiben diese Zeit als dunkle und hoffnungslose „Pre-Chippendales Era“ – auch so lässt sich der Unternehmenszweck begründen.

Hinter jeder guten Show steckt eine noch bessere Strategie

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